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Jukka Korkeila, Libidal Laughing Gas, 2006
Complaints Choirof Hamburg-Wilhelmsburg, 2006, foto: Frank Lüsing
Lisa Lounila, Popcorn, videostill
Adel Abidin, Abidin Travels, video installation
Pilvi Takala, With Spirit There’s no Limit, 2004, courtesy the artist
ART GUIDE Helsinki, Finnland (2007) English
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Jukka Korkeila

Fünf Worte zu Helsinki: Sauna of Silence im Karaoke-Vomitorium

Jukka Korkeilas Kunst als Malerei zu bezeichnen würde ihr unrecht tun. Seine Arbeiten sind Malerei, aber sie sind immer auch etwas anderes. Es ist wäre auch keine Lösung, sie als Handlungen im erweiterten Feld zu bezeichnen, dafür sind sie sich des produktiven Prozesses, die Vergangenheit des Mediums, seine Anforderungen und Chancen zu kennen, viel zu sehr bewusst. Seine Wandarbeiten, die raumfüllenden oder riesigen, wandgroßen Malerei-Installationen handeln von der Körperlichkeit unseres Seins. Auf einer zentralen Ebene geht es um Materialisierung schwuler Sexualität. Aber nicht irgendwelche versteckten Küsse im Schatten von Kathedralen, hier geht es um die Körperlichkeit des Realen: Große, fette, behaarte Kerle treiben Dinge mit großen, fetten, behaarten Kerlen. Und ja, sie genießen es, und das Genießen ist etwas, das sich auf diejenigen überträgt, die diese Bilder sehen oder mit ihnen gesehen werden. Allerdings sind Korkeilas Arbeiten nicht Pornografie. Anstatt uns ein lahmes, instrumentalisiertes sexuelles Produkt vorzusetzen, lädt er uns zu einem visuellen Spiel voller cleverer Andeutungen ein, bewusst mit offenkundig vulgären Posen und Augenblicken voller Erwartung. Ein Spiel, das teilweise provokant ist, aber auch sehr lustig.
* 1968 in Hämeenlinna. Lebt und arbeitet in Helsinki und Berlin.


Tellervo Kalleinen & Oliver Kochta-Kalleinen

Fünf Worte zu Helsinki: Granitfelsen – Baltische See – einsame Leute – orange U-Bahn – Märchenarchitektur

Kommt Ihnen das bekannt vor? Sie haben sich selbst in eine Situation begeben, in der Sie a) die Umgebung und den Kontext nicht kennen und b) Sie eine Idee haben und eine Arbeit produzieren sollen, schnell. Das war die Herausforderung, der das finnisch-deutsche Duo Tellervo Kalleinen & Oliver Kochta-Kalleinen gegenüber stand, als die beiden im Herbst 2005 eine zweiwöchige Residency in Birmingham antraten. Sie beschäftigten sich mit einem Thema, über das sie bereits lange Zeit nachgedacht hatten. Ein Thema, das uns alle betrifft, egal wo wir leben, welche Farbe unser Reisepass hat oder wen wir wählen: Wir alle beschweren uns. So hatten Tellervo und Oliver die Idee, Beschwerden aus Birmingham zu sammeln und einen Workshop zu veranstalten mit dem Ziel, den 1. Birminghamer Beschwerde-Chor zu gründen. Sie verschickten E-Mails und verteilten Flyer, um schließlich mit einer Gruppe von 20 Leuten daran zu arbeiten. Sie sammelten Beschwerden und schrieben einen Song dazu. Am Ende der zwei Wochen führten sie einen Tag lang den Song an verschiedenen Orten in der Stadt auf. Eine Aktion, die sie jetzt erfolgreich in Helsinki, Hamburg und St. Petersburg wiederholt haben.

Der Refrain aus dem Birmingham Song:

“Why does my computer take so very long?
Why can’t the bus driver talk to anyone?
And why is the beer so expensive in town?

I want my money back
My job is like a cul-de-sac
And the bus is too infrequent at 6.30

Why don’t they pay me more?
Life was good before
And I am thirsty.”

*1975 in Lohja/1971 in Dresden. Leben und arbeiten in Helsinki.


Liisa Lounila

Fünf Worte zu Helsinki: Größte Kleinstadt mit verstecktem Luxus

Liisa Lounila hat eine ganze Reihe von ernsthaften Problemen. Ihr Dilemma ist mindestens fünffach: 1. Ihre Videos schauen wie coole, trendige Popmusikvideos aus, aber sie sind es nicht; 2. Ihre Videos schauen aus, als wären sie mit einem mindestens achtstelligen Budget produziert, aber sie macht sie selbst, mit einem äußerst niedrigen Budget; 3. Der Sound ihrer Videos klingt, als hätte sie den neuesten Indie-Kometen verpflichtet, aber in Wirklichkeit ist die Musik von einer befreundeten Band aus Helsinki, die ziemlich unbekannt ist; 4. Jeder glaubt, sie macht nur Videos, aber sie malt auch; und schließlich 5. Bei internationalen Ausstellungen wird sie üblicherweise für die „Light Entertainment“-Ecke gecastet, was sie rasend macht. Wie geht sie mit diesem vielfältigen und komplexen Problembündel um? Überzeugt von der inhärenten Kraft ihrer Herkunft aus einer relativen Peripherie wie Helsinki, verleugnet sie energisch und erfolgreich ihre Relevanz. In ihrer dreiteiligen Serie „Popcorn – Flirt – Play“ (2001-2003) hat sie die uralte „Cut & Paste“ weiterentwickelt, um mit einer Camera Obscura bewegte Bilder zu machen. Das Resultat ist ein traumähnlicher, kinematischer Effekt, wo die Zeit verrückt spielt und einen völlig anderen Sinn und Sinnlichkeit bekommt. Es ist eine Empfindung, die wir aus Filmen wie »Matrix« kennen – nur mit so gut wie keinem Budget gemacht, dafür aber mit genügend Ideen und einer Haltung, die das deutlich macht. www.scenemissing.net
* 1976 in Helsinki, lebt und arbeitet in Helsinki.


Adel Abidin

Fünf Worte zu Helsinki: klein – friedlich – langweilig – finanzielle Mittel – Freiheit

Im Nordischen Pavillon auf der diesjährigen Biennale in Venedig wird Adel Abidin Geschichte machen. Es ist ein Ereignis, das kein großer Schritt für die Menschheit ist, aber es ist sicher ein sehr signifikanter, symbolischer Schritt für die Kulturpolitik eines kleinen Nationalstaates wie Finnland. Adel Abidin ist der erste Vertreter Finnlands, der nicht dort geboren ist, im zeitgenössischen Jargon als „Neuer Finne“ bezeichnet.
Er zeigt eine Videoinstallation unter dem Titel »ABIDIN TRAVELS - welcome to Baghdad«. Die Arbeit ist die Gründung eines Reisebüros, das Ferienreisen nach Bagdad anbietet. Es präsentiert sich mit zwei Videos (die animiertes Material und authentisches Footage aus der Stadt zeigen), Postern, zwei Leuchtkästen und Broschüren in acht verschiedenen Sprachen. Eine Arbeit, die ebenso scharfsinnig wie sarkastisch ist. Wie sollen wir auf diese Bilder äußersten Schreckens reagieren? Oder, wenn wir den Spieß umdrehen, wie glaubst du, fühlt sich der Künstler, wie reagiert er auf das, was er sieht und wovon er Zeuge wird, auf das, was sich in seiner alten Heimatstadt abspielt, wo täglich über hundert Leute bei Bombenanschlägen ums Leben kommen, während die so genannten Koalitionsstreitkräfte immer noch behaupten, dass alles nach Plan läuft? »ABIDIN TRAVELS« ist eine schwierige und verstörende Arbeit. Aber es ist kein schlechter Scherz und es ist kein schwarzer Humor. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dem wir uns stellen müssen, statt es zu verleugnen oder uns hinter politischer Korrektheit zu verstecken. www.abidintravels.com
* 1973 in Bagdad. Lebt und arbeitet in Helsinki.


Pilvi Takala

Fünf Worte zu Helsinki: Nett und angenehm, aber langweilig.

Pilvi Takala ist eine von den KünstlerInnen, deren Arbeit man als sozial engagierte Praxis bezeichnen kann. In ihrem Fall bedeutet das zum Beispiel, mit einer Gruppe von Cheerleaderinnen in Helsinki zusammen zu arbeiten, für die sie die Outfits entwirft, die Choreografie erarbeitet und Auftritte an einem kalten Novemberabend in der Stadt organisiert. Manchmal scheinenTakalas Ideen gefährlich nahe an Dingen zu sein, wie wir sie aus geschmacklosen „Versteckte Kamera“-Fernsehclips kennen. Wie zum Beispiel bei der Inszenierung in einer Amsterdamer Straßenbahn  (»Easy Rider«, 2006), in der zwei Fremde in ein Gespräch vertieft sind, bis ein dritter Mann dem, der in Schwierigkeiten ist, gute Ratschläge gibt und seine Jacke borgt. Oder bei »The Switch«, das auf der Istanbul Biennale 2005 gezeigt wurde, wo sie zwei türkische Männercafés in zwei unterschiedlichen Stadtteilen ausfindig machte, um dort zwei Kartenspieler zu finden, die sich einverstanden erklärten, für einen Nachmittag ihre Plätze zu tauschen. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat es Takala nicht nur geschafft, die leidenschaftlichen Kartenspieler zu überzeugen, in ein „fremdes“ Kaffeehaus an einen fremden Kartentisch zu gehen; während sie die Ereignisse dieses Nachmittags orchestriert und filmt, bringt sie in beiden Männern etwas Einzigartiges und sehr Sympathisches zum Vorschein. Was wir in dieser Arbeit sehen, ist eine überzeugende Sozialstudie einer Gewohnheit, der Art, wie diese beiden Männer ihr Leben strukturieren, und wie sie darin Sinn und Glück finden. Ein Ergebnis, das ein sehr genaues Gefühl fürs Geschichten erzählen zeigt, als auch dafür, wie man Menschen, die man nicht kennt und mit denen man nicht viel gemeinsam hat, sehr nahe kommen kann.
* 1981 in Helsinki. Lebt und arbeitet in Helsinki.

Aus dem Englischen von Hina Berau